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Below the game – unterste Schublade

[Inhaltswarnung: Grenzüberschreitung, sexualisierte Übergriffe, Gewalt]

Vor kurzem wurde bei Kickstarter erfolgreich ein Projekt finanziert, das heftigen Widerstand erzeugt hat. Das Projekt besteht darin, Anleitungen, wie ein Mann am besten Menschen, insbesondere Frauen „kennenlernen“ kann, als Buch zu veröffentlichen. „Above the game“ soll das Ergebnis heißen. Trotz der Kritik wurde das zu diesem Zweck via Kickstarter gesammelte Geld an den „Autor“ ausgezahlt, wenngleich die Verantwortlichen inzwischen eingeräumt haben, damit einen Fehler begangen zu haben.

Einige der Texte, die das Buch enthalten soll, wurden vom Verfasser bereits auf Reddit veröffentlicht und beim Stöbern durch die Inhalte (was ich niemandem empfehlen möchte) wird mancher*m vermutlich schnell auffallen, warum ich das „kennenlernen“ in Gänsefüßchen gesetzt habe. Denn um Freundschaften oder Beziehungen geht es wenig bis gar nicht. Eigentlich dreht sich das ganze nur um ein Thema: Wie kriege ich eine Frau dazu, dass sie Sex mit mir hat.

Zwei Aspekte sind mir beim Lesen besonders aufgefallen, die ich im Folgenden durch einige Zitate genauer beleuchten will. Einerseits ist das der Umstand, dass immer wieder das Prinzips der konsentualen Sexualität misachtet wird. Andererseits zeugt der gesamte Text an vielen Stellen von einem generellen Mangel an Respekt für Frauen und davon dass sie nicht als Männern gleichwertig angesehen werden.

Even when a girl rejects your advances, she KNOWS that you desire her. That’s hot. It arouses her physically and psychologically.

(Selbst wenn ein Mädchen deine Annäherungen zurückweist, weiß sie dann, dass du sie begehrst. Dass ist heiß. Es erregt sie körperlich und psychisch.)

Diese Aussage ist nicht nur schwachsinnig, sie ist auch abwertend und objektifizierend. Die Annahme, eine Frau könne sich nichts tolleres vorstellen, als dass ein Mann Sex mit ihr haben will, mag ein Wunschtraum mancher Männer sein, wahr wird es dadurch aber noch lange nicht. Eine Frau, die einen Mann abweist, teil ihm damit mit, dass sie keinen Sex mit ihm haben will. Anzunehmen, dass sie trotzdem einen Lustgewinn dabei empfindet, ist nicht nur anmaßend, es unterstellt auch, dass die Abweisung nicht ernst gemeint ist und wertet damit die Glaubwürdigkeit der Frau ab. Die Aussage, dass eine Frau allein durch die Lust des Mannes erregt würde, degradiert sie außerdem zum Sexobjekt und zwar auf die übelste Weise: Indem ihr unterstellt wird, sie selbst empfände Erregung (müsse geradezu durch die Decke gehen!) bei dem Gedanken, als Sexobjekt betrachtet zu werden.

Physically pick her up and sit her on your lap. Don’t ask for permission. Be dominant. Force her to rebuff your advances.

(Heb sie hoch und setzte sie auf deinen Schoß. Frag sie dafür nicht um Erlaubnis. Sei dominant. Zwing sie, deine Annäherungen abzuweisen.)

Körperliche, sexuelle Handlungen ohne Einverständnis sind Übergriffe. So weit zu gehen, dass sie gezwungen ist, ihn zurückzuweisen, ist ein Grenzüberschreitung. Ein solches Verhalten ist respektlos den Wünschen und Bedürfnissen der Frau gegenüber. Es würdigt sie herab, es entmündigt sie und es wird mit ziemlicher Sicherheit nicht dazu führen, dass sie sich wohl fühlt.

If at any point a girl wants you to stop, she will let you know. If she says „STOP,“ or „GET AWAY FROM ME,“ or shoves you away […] say this line:
„No problem. I don’t want you to do anything you aren’t comfortable with.“
[…] If a woman isn’t comfortable, take a break and try again later.

(Wenn das Mädchen zu irgendeinem Zeitpunkt möchte, dass du aufhörst, wird sie es dich wissen lassen. Wenn sie „Stop“ sagt oder „Lass mich in Ruhe/Geh weg“ oder dich wegstößt […] sag folgendes:
„Kein Problem. Ich möchte nicht, dass du irgendetwas tust, womit du dich nicht wohl fühlst.“
[…] Wenn eine Frau sich nicht wohl fühlt, mach eine Pause und versuch es später noch einmal.)

Nein. Wenn eine Frau zu irgendeinem Zeitpunkt „Stop“, „Nein, „Hör auf“, „Lass mich in Ruhe“ oder irgendetwas vergleichbares sagt oder ihn womöglich sogar körperlich von sich wegschiebt/wegstößt, dann hat der Mann bereits eine Grenze überschritten. Das einzig angemessene Verhalten ist, jede, wirklich jede sexuelle Handlung oder Intention sofort einzustellen und, falls möglich, sich für die Grenzüberschreitung zu entschuldigen. _Falls_ die Frau ihre Meinung irgendwann ändern sollte, ist es an ihr, das mitzuteilen. Sie gegen ihren ausdrücklichen Willen weiter zu bedrängen, ist respektlos, übergriffig und grenzverletzend. Daran ändert keine noch so lange Pause etwas. Ganz abgesehen davon sollte es nicht die Verantwortung der Frau sein, ihre Grenzen gegen Übergriffe schützen zu müssen. Die Verantwortung liegt bei der anderen Person, garnicht erst einen Übergriff zu begehen.

Grab her hair […] and pull it back aggressively.

(Pack ihr Haar […] und zieh es aggressiv nach hinten.)

NEIN, NEIN, NEIN. Aggressionen und Gewalt sind in keiner Situation in Ordnung. Niemals, aber insbesondere nicht in einem sexuellen Kontext! (Ausnahmen bilden natürlich ausdrücklich _konsentuale_ Handlungen, die dort aber mit keinem Wort erwähnt werden.)

Your chances of repeat performances goes up tremendously with each orgasm.

(Deine Chancen auf eine Wiederholungsvorstellung steigen enorm mit jedem Orgasmus [Anm.: der Frau].)

Diese Aussage zeigt noch einmal sehr deutlich, worum es dem Autor geht. Ein Orgasmus der Frau dient dem Zweck, dass der Mann bessere Chancen hat, ein weiteres Mal „bei ihr zu landen“. Ihre Lust ist nur Mittel zu Zweck, im Vordergrund stehen seine Bedürfnisse und seine sexuelle Erfüllung. Auch hier zeigt sich deutlich, dass die Frau nur als Objekt behandelt wird, dessen Zeck es ist, den Mann sexuell zu befriedigen.

Was mir außerdem durch den ganzen Text hinweg aufgefallen ist: Immer wieder werden Frauen als „girl“ statt als „woman“ bezeichnet. Wohlgemerkt, wir reden hier nicht von einem Teenager, der altersbedingt noch in den Kategorien „boys/girls“ denkt, „boy“ habe ich in dem Text kein einziges Mal gefunden. Wir reden von einem erwachsenen Mann, der Frauen als Mädchen diminuiert und ihnen damit ihre Reife, Eigenständigkeit und Unabhängigkeit abspricht, vorzugsweise dann (das mag allerdings eine subjektive Wahrnehmung sein), wenn es um Widerstand, Ab- oder Zurückweisung und das (Nicht)Respektieren von Grenzen geht.

Da ich hier einzelne Zitate „aus dem Kontext gerissen“ habe (was der Autor seinen Kritiker*innen hier vorwirft, und damit begründet, dass „es doch nicht so gemeint war“), noch mal in aller Deutlichkeit: Es gibt _keinen_ Kontext, in dem Missachtung der Bedürfnisse und Grenzen einer Frau, aggressives Verhalten und respektloser, objektifizierender Umgang ok sind. Egal wie viel Mühe vorher ins Daten, Kennenlernen usw. geflossen sind, zu keinem Zeitpunkt hat ein Mensch einen _Anspruch_ auf Sex. Zu keinem Zeitpunkt sind Übergriffigkeit und Grenzüberschreitung gerechtfertigt. In keinem noch so stillen Kämmerlein und hinter noch so verschlossenen Türen ist es in Ordnung, eine Frau so zu behandeln.