Hasserfüllt und verbittert

Diesen Text haben @Literalschaden, @Tofutastisch und ich gemeinsam geschrieben. Er ist also auch hier und hier zu finden.

Ein Tweet am Dienstagabend und eine entstehende Diskussion über verbitterten und hasserfüllten Feminismus. Wir wollen den Tweet nicht verlinken; es geht uns nicht darum, die Person, von der er kam, bloßzustellen oder anzugreifen. Aber wir wollten uns mit den Begrifflichkeiten auseinandersetzen. Also heute: Warum sind wir manchmal verbittert und hasserfüllt?

An jedem Tag, an dem wir das Haus verlassen, begegnen uns Street Harassment, Diskriminierung und Sexismus. Wir können nichts dagegen tun. Wenn wir uns wehren sind wir „die Wilde“. Die „Eigensinnige“. Die „Überemotionale“. Wenn wir es ignorieren? „Die Kühle“. „Die Ignorante“. „Die Überhebliche“. „Die Schüchterne“. Letztlich gibt es nichts, was wir ausrichten könnten. Und das ist auch nicht unsere Aufgabe. Es sollte nicht unsere Verantwortung sein uns zu schützen, sondern die der Übergriffigen, Diskrimierenden, nicht übergriffig, sexistisch, diskriminierend zu sein; zu handeln.

Das frustriert uns. Macht uns wütend. Macht uns traurig. Macht uns hasserfüllt und verbittert.

Wir finden es auch toll, wenn es Feministinnen gibt, die aufopferungsvoll erklären. Die lieb und nett sagen, warum sie denn bitte nicht diskriminiert werden wollen. Machen wir sogar selbst ganz oft. Oder bemühen uns zumindest. Aber das heißt noch lange nicht, dass irgendjemand* von uns erwarten darf, dass wir lieb und nett erklären. Wir sind nämlich nicht immer lieb und nett. Wir sind Menschen, die diskriminiert, verletzt, eingeschüchtert werden. Und das darf uns wütend machen. Unsere Wut, unser Hass, unsere Verbitterung. Das ist kein Entschluss gewesen, dass wir jetzt verbittert sind. Das war dann plötzlich so. Dumm gelaufen. Da haben diskriminierende Strukturen, sexistische Bemerkungen und übergriffiges Verhalten und der ständige Kampf gegen ein übermächtiges System uns verbittert.

Und dann kommt es: Ich darf aber nicht verbittert sein. Denn dann bin ich nicht mehr die Gute, die Liebe. Die Guten, die was Gutes wollen, die sind nicht verbittert. Oder?

Gerne heißt es dann, wir würden damit „der Sache“ schaden. „Dem Feminismus ist nicht geholfen, wenn ihr so unfreundlich seid!“ Als wäre „der Feminismus“ dafür da, sich bei möglichst vielen Leuten anzubiedern und Absolution zu bekommen. Wir sind aber nicht Feministinnen, weil es uns so viel Spaß macht, heroisch für irgendein abstraktes Ideal zu kämpfen. Sondern um uns zu empowern; um mit der Einschüchterung, dem Harrassment, der Diskriminierung klarzukommen. Und zum Empowerment gehört auch unsere Wut. Sie runterzuschlucken ist nicht empowernd. Es ist eine erneute Verletzung, ein erneutes Kleingemacht werden. Menschen, die von struktureller Diskriminierung betroffen sind, erleben im Alltag ständig Situationen, die sie verletzen, ängstigen und_oder wütend machen. Das liegt in der Natur von Diskriminierung. Diesen Menschen ihre Wut und ihren Hass auf die Unterdrückenden und das von diesem geprägte System abzusprechen oder diese Gefühle als schlecht/falsch zu bewerten, reproduziert das System und relativiert die erfahrene Ungerechtigkeit.

Wir wollen unsere Gefühle nicht in uns hineinfressen, um den schönen Schein zu wahren. Vor allem nicht in einer Bewegung, die für uns da ist. Es geht nicht darum, den Vertretern* der Machtstukturen irgendetwas zu erklären und das möglichst freundlich. Es geht nicht darum, sich möglichst gut dem diskriminierenden System anzupassen, damit die Machthabenden sich möglichst wohl fühlen. Es geht darum, an dem System zu rütteln und sich die Macht zu erobern, die einer zusteht. Das bedeutet aber, dass aktuell Machthabende etwas von ihrer Macht, die sie als selbstverständlich erachten, weil sie sie nicht reflektieren, abgeben müssten. Und da die meisten das nicht freiwillig tun, bleibt denen, die in der benachteiligten Position sind, oft nichts anderes übrig, als die Machthabenden zu bekämpfen. And guess what: Wut, Ärger und Hass können ein guter Motivator sein gegen das lähmende, allgegenwärtige Gefühl, dass dieses System stärker ist als wir.

Links:
Das Argument, dass ein Kommunizieren von Diskriminierung/… nicht akzeptabel ist, weil es nicht nett rübergebracht wird, nennt sich auch Tone Argument. Eine gute Erklärung dazu, was ein Tone Argument ist, gibt es hier von @baum_glueck.

Die Aufforderung, nett zu sein ist ein klassisches „Argument“ von Concern Trolls.

5 Gedanken zu „Hasserfüllt und verbittert

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  3. Erbloggtes

    Sich hasserfüllt und verbittert zu fühlen, ist ja gar nicht schön. Ich empfinde das als deutlich schlimmer als verletzt und wütend. Hass und Verbitterung, das sind so permanente emotionale Einstellungen, nicht aufwallende Gefühle. Was kann man da bloß gegen tun?

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    1. felis Artikelautor

      Was man* dagegen tun kann? Scheuklappen aufziehen und so tun als ob die Welt in Ordnung sei vielleicht. Oder auf den Mond auswandern.

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  4. Pingback: Iron Blogging Woche #5 | Flauscheria

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