Warum Frauen*quoten keine unfaire Benachteiligung für Männer* darstellen

Ich habe kürzlich den Fehler begangen mich auf einer Familienfeier auf eine Diskussion über Feminismus mit meinem Bruder einzulassen1. Irgendwann im Laufe dieser Diskussion, die für jeden Bingospieler eine wahre Freude gewesen wäre, kam die Sprache auch auf die „böse Frauen*quote“, und zwar speziell auf die Quotierung von Kursplätzen in einem Jurastudiengang. Die* Schwester* eines* Freundes* des* Cousins* der* Mutter* seiner* Freundin*2, so mein Bruder, studiere nämlich Jura und habe zu Beginn jedes Semesters die freie Wahl der Kursplätze, weil diese quotiert seien, während ihre* männlichen* Kommilitonen* um jeden Kursplatz heftig kämpfen müssten und das sei ja wohl unfair.

Ich möchte hier erstmal kurz meine Erzählung unterbrechen und einwerfen, dass ich eine Quotierung nicht für grundsätzlich unproblematisch und das richtige Mittel gegen die Unterrepräsentierung von weiblichen* Menschen in bestimmten Bereichen halte. Ein großes Problem einer genderbasierten Quote sehe ich zum Beispiel darin, dass die Ansätze in der Regel von einem binären Gendermodell ausgehen und damit die Lebensrealitäten von trans*, inter* und genderqueeren Personen außer Acht lassen. Ganz abgesehen davon werden bei einer Genderquotierung häufig andere nichtgenderbasierte Diskriminierungsstrukturen vernachlässigt, was zur Verschlechterung der Situation für andere Marginalisierte führen kann. Trotz dieser Einwände halte ich eine genderbasierte Quote situationsabhängig für eine sinnvolle antidiskriminatorische Maßnahme. Genauer möchte ich an dieser Stelle darauf gar nicht eingehen, sondern mich jetzt auf das „Argument“ mit der* Jurastudentin* konzentrieren.

Lasst uns also zunächst einmal zwei Jurastudierende der fraglichen Fakultät betrachten: eine* weibliche* und einen* männlichen*, Alex und Chris3. Vergleichen wir nun deren Situation ausschließlich bezüglich der Kurswahl, so erscheinen die Auswirkungen der Quotierung zunächst tatsächlich reichlich ungerecht. Alex, als eine der wenigen weiblichen* Jurastudierenden, bekommt einen Platz in jedem Kurs, in dem sie* sich einträgt, während Chris größte Mühe hat, überhaupt auf seine* Semesterwochenstunden zu kommen und am Ende Kurse belegen muss, die er* gar nicht belegen wollte. Unfair, oder? Und alles nur, weil Alex eine* Frau* ist!

Nun lasst uns mal einen Schritt zurück machen und uns anschauen, wie der Studiumsalltag von Chris und Alex sonst so aussieht. Chris hat es tatsächlich zu Alex in den Kurs geschafft und die beiden behandeln dort jetzt im Unterricht fiktive Übungsfälle, in denen Männer* erfolgreiche Geschäftsleute, Anwälte und Richter sind, während Frauen* für Haushalt Kinder und Äußerlichkeiten zuständig sind (Link). Alex muss also nicht nur zum millionsten Mal brav über die Einparkwitzchen ihrer* Kommilitonen* lachen, sondern auch damit leben, dass die Herren* Juradozenten* ihr* eigentlich eher einen Platz hinterm Herd als in ihren Kursen wünschen. Ob das wohl fair ist?

Das Ende des Semesters nähert sich und Alex hat eine ziemliche Menge Prüfungen vor sich. Wie Chris büffelt sie* fleißig, doch am Ende schneidet sie* überall ein wenig schlechter ab. Ob es damit zu tun hat, dass Frauen* durchschnittlich schlechter abschneiden4 im Jurastudium? Vielleicht hat sie* tatsächlich aufgrund ihres* Genders schlechtere Chancen bei den Noten? Das klingt nun aber schon auch ziemlich unfair! Was war da am Anfang des Semesters nochmal mit der Kurswahl das Problem…? Ach, ja.

Jetzt lasst uns doch mal kurz überlegen, wie es eigentlich dazu kommt, dass Alex es bei der Kurswahl so viel einfacher hatte als Chris. Was besagt denn die Quotenregelung, die dafür sorgt, dass Alex leichter in die Kurse kommt? Vermutlich ist dort vorgeschrieben, dass eine gewisse Prozentzahl der Studierenden in den Kursen weiblich* sein soll (und nicht, dass Frauen* bei der Kurswahl grundsätzlich bevorzugt werden!). Optimistisch nehme ich für unser Beispiel mal eine fiktive vorgeschriebene Quote von 35% an. Wären also 35% aller Jurastudierenden an Alex‘ Uni weiblich*, so wären vermutlich auch rund 35% der Kursbewerber*innen für jeden Kurs weiblich*. Das würde für Alex allerdings bedeuten, dass sie* sich mit ihren* Mitbewerberinnen* ebenso um die Plätze streiten müsste, wie Chris mit seinen* 65% männlichen* Mitbewerbern*. Der Vorteil für Alex entsteht also am Ende daraus, dass es deutlich weniger weibliche* Jurastudierende gibt, als die Quote vorsieht. Über die Gründe dafür lässt sich natürlich streiten, aber nehmen wir einfach mal an, dass es (zum Teil) an der strukturellen Benachteiligung von Frauen* im Jurastusium liegt.

Alex wird also bei der Kurswahl bevorzugt, weil sie* insgesamt strukturell benachteiligt ist. Nun. Was war daran nochmal unfair?

  1. wenn ihr euch fragt, warum das ein Fehler sein soll, dann habt ihr das entweder noch nie versucht oder eine (in dieser Hinsicht) äußerst beneidenswerte Familie
  2. Bekanntschaftgrad zu stilistischen Zwecken _etwas_ übertrieben
  3. Namen frei erfunden
  4. Warnung für den Link: zum Teil Reproduktion von rassistischen, sexistischen und binaristischen Vorurteilen

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