„Ey Tüp“ mal ohne Rage

Mein erster Beitrag hier im Blog hat bei einigen für Verwirrung gesorgt und wurde zum Teil anders aufgefasst, als er gemeint war. Deshalb hab ich mich dazu entschlossen, ergänzend einen Erklärbärartikel zu dem Thema zu schreiben.

Es gibt ein Phänomen, das mir öfter mal begegnet, und obwohl ich es auch manchmal bei Frauen erlebt habe, sind es meiner Erfahrung nach häufiger Männer, die sich so verhalten. Meistens entsteht die Situation daraus, dass ich mich zu einem (üblicherweise umstrittenen) Thema äußere, zum Beispiel auf Twitter1. Ein anderer Mensch nimmt diese Äußerung als Anlass, mir seine Meinung zu ebendiesem Thema mitzuteilen. So weit, so in Ordnung, Gedanken- und Meinungsaustausch, yay, großer Fan davon!

Leider handelt es sich aber um genau das in den von mir angesprochenen Fällen nicht. Es findet kein Austausch statt, keine Diskussion, in der beide (oder alle) Teilnehmer aufeinander eingehen, die Meinung der_s Anderen wahrnehmen und darauf Bezug nehmen. Stattdessen verläuft das Gespräch unkonstruktiv und führt zu einer Abwertung der ursprünglich geäußerten Meinung und deren Urheber_in.

Es gibt verschiedene Schemata, nach denen solche Gespräche meiner Erfahrung nach verlaufen, und einige davon möchte ich an (überspitzt dargestellten) Beispielen erläutern:

Szenario 1:

A: Ich mag rote Äpfel nicht.
B: Also meiner Meinung nach ist grün viel schlimmer als rot. Grün ist eine der schlimmsten Farben, die es gibt! Grüne Kleidung passt nicht zu meinen Schuhen und außerdem sind Krokodile grün und die fressen bekanntermaßen kleine Kinder.
A: Naja, das mag ja sein, ist aber nicht relevant dafür, dass mir Äpfel nicht schmecken, die rot sind.
B: Da hast du mich missverstanden, mit Äpfeln hat das ja gar nichts zu tun.
A: Genau. Deine Aussage hat mit meiner nichts zu tun. Bitte lenk nicht vom Thema ab, rote Äpfel sind mir wichtig.
B: Jetzt hab dich doch nicht so, ich werd doch wohl noch meine Meinung sagen dürfen?

Zu keiner Zeit entsteht hier ein Meinungsaustausch. Die erste Aussage wird von Person B gänzlich ignoriert, stattdessen wird einfach nur ein Stichwort aufgegriffen, um sich daraus einen Anlass zu konstruieren, eine Meinung zu etwas loszuwerden, was mit dem ursprünglich Gesagten herzlich wenig zu tun hat. Das Thema wird torpediert und für die eigenen Zwecke umfunktioniert. Damit nicht genug, beim Hinweis auf dieses Verhalten wird Person A zunächst Nichtverständnis und danach Unterdrückung abweichender Meinungen vorgeworfen. Bei einem Blick auf andere Gespräche, die Person B so führt, finden sich dann nicht selten wahlweise weitere Hasstiraden gegen grün und ein Link zum Forum der Vereinigung Deutscher Antigrünisten, oder aber weitere Scheinargumente, die auf diese Weise Diskussionen derailen. Welche Intention nun auch dahinter stehen mag, das Ergebnis ist das gleiche: Es wird von der eigentlichen Aussage abgelenkt und Person A wird durch die Vorwürfe diskreditiert und damit auf struktureller Ebene „besiegt“.

Szenario 2:

A: Ich mag rote Äpfel nicht.
B: Da liegst du aber falsch, rote Äpfel sind viel besser als grüne.
A: Ehm ok, wenn du meinst. Ich mag sie halt nicht.
B: Dann stimmt mit dir irgendwas nicht. Ich weiß dass rote Äpfel besser sind, ich hab dazu mal was gelesen! Und außerdem mögen meine Freunde auch alle lieber rote Äpfel.
A: Bei mir ist alles in Ordnung, ich mag einfach nur keine roten Äpfel. Bitte akzeptier das einfach.
B: Jetzt lügst du aber, wahrscheinlich willst du nur den Roteäpfelanbauern das Geschäft vermiesen.

Auch hier gibt es keinen Meinungsaustausch. Person B lehnt von Anfang an die Gültigkeit der Grundaussage ab und versucht Person A eines besseren zu belehren. Dass es sich nicht um eine faktische Aussage handelt, der ein wahr oder falsch zugeordnet werden kann, sondern um eine Meinungsäußerung, wird ignoriert. Die Meinung von Person A wird nicht respektiert, das vermeintliche „Wissen“ von Person B als universelle Wahrheit dargestellt, mit der Begründung „Ich weiß das aber besser als du“. In Selbstbeschreibungen von Person B finden sich in diesem Fall vielleicht Aussagen wie „vielseitig interessiert“ oder „Universalgelehrter“. Wenn Person A sich dieser Beweismacht nach wie vor verweigert, wird sie als andersartig und als Sonderfall bezeichnet, oder es wird ihr gar Unehrlichkeit und ein unlauteres Motiv unterstellt. Das Ergebnis ist erneut die Diskreditierung von Person A und deren Meinung und damit ein „Sieg“ auf struktureller Ebene.

Szenario 3:

A: Ich mag rote Äpfel nicht.
B: Was glaubst du eigentlich, wer du bist, anderen Vorschriften machen zu können, welche Äpfel sie zu essen haben?
A: Ey, komm mal klar, ich mach niemandem Vorschriften, ich hab nur gesagt, dass ich die nicht mag.
B: Und deswegen sollen wir jetzt alle keine roten Äpfel mehr essen, weil du hier rummemmst?
A: Nein, ich sag doch nur, dass ich die nicht mag und es voll nett wär, wenn ihr mir die nicht grad unter die Nase halten würdet.
B: Ahja, jetzt müssen wir uns also nach dir richten, nur weil du ein Problem hast. Und was kommt als nächstes? Kirschenverbot? Pflaumenzwang?

Das wohl bösartigste meiner Beispiele. Von Meinungsaustausch kann hier keine Rede sein. Person A wird von Anfang an angegriffen und es wird üblicherweise ziemlich genau das Verhalten unterstellt, das Person B selbst an den Tag legt: Meinungsunterdrückung, Verhaltensvorschriften, Einschränkung der persönlichen Freiheit usw. Die Meinung von Person A wird nicht nur nicht anerkannt sondern vielmehr als unverschämt und gesellschaftsschädigend diffamiert. Um gegen Person A zu agitieren, werden weitere, frei erfundene Forderungen unterstellt und der Untergang der Zivilisation prophezeit. „Satz und Sieg“, struktureller geht es kaum noch. Übrigens wird sich in der Regel herausstellen, dass Person B rote Äpfel anbaut, vermarktet oder sonst irgendwie ein persönliches Interesse an deren Verkauf hat.

Sicher gibt es weitere Beispiele für solche „Protodiskussionen“ (ich freue mich auf eure Kommentare!), diese drei sind die, die mir am häufigsten begegnet sind. Und natürlich geht es „da draußen“ nicht um rote Äpfel, sondern um politische, gesellschaftliche und auch persönliche Themen. Nichstdestotrotz: Die Argumentationsschemata bleiben die gleichen.

Update: Passend zum Thema ein Comic Strip von amultiverse, auf den mich ein nachtaktives Wissenschaftswesen aufmerksam machte.

  1. Was nicht heißen soll, dass das Phänomen auf Onlinekommunikation beschränkt ist

2 Gedanken zu „„Ey Tüp“ mal ohne Rage

  1. Erbloggtes

    Danke für die Erläuterungen!

    Vor genau einem Monat begann hier eine Diskussion mit Hardy, mir und anderen, in der es unter anderem darum ging, wie spezifische organisierte Gruppen (Rotapfelproduzentenverein) versuchen, sich im Internet – speziell in Zeitungsforen – den Anschein einer argumentativen Übermacht zu verschaffen. Damit versuchen sie wohl zum Teil, die Redaktionen der entsprechenden Medien dazu zu bewegen, stärker in ihrem Sinne zu berichten, da sie sich als großer Teil des Publikums darstellen. Zu diesem Zweck vergraulen sie ziemlich systematisch Andersdenkende.

    Ähnliche Phänomene gibt es natürlich auch anderswo, etwa auf Twitter oder in der Wikipedia, aber immer abgewandelt unter den spezifischen Bedingungen der Plattform. Ich habe nicht den Eindruck, dass in den obigen Beispielen Teilnehmer B wirklich eine Diskreditierung von Teilnehmer A und deren Meinung gelingt. Der angestrebte “Sieg” auf struktureller Ebene dürfte vielmehr darin bestehen, dass Teilnehmer A sich verunsichert fühlt und künftig vorsichtiger seine Meinung sagt. Man kann das mit dem Konzept des Strebens nach kultureller Hegemonie fassen. Das findet unbewusst statt, wie der Marxist Gramsci erläuterte: Die hegemoniale Klasse drückt durch quasi alle ihre öffentlichen Äußerungen ihre kultureller Hegemonie aus und stabilisiert sie so. Man kann aber auch geplant versuchen, die kulturelle Hegemonie zu beeinflussen. Dafür ist die Verunsicherung und das Zum-Schweigen-Bringen des Gegners von entscheidender Bedeutung.

    Genau das sollte man sich aber nicht gefallen lassen. Es gibt ziemlich sicher eine eigene peer group, die einen in der eigenen Meinung bestärken kann – oder auch darauf hinweisen würde, wenn man wirklich mal eine unhaltbare Position eingenommen hat. Wichtig ist natürlich die zuverlässige Unterscheidung von „Ey-Tüp“-Typen, die sich die strategische Beeinflussung von Social-Media-Kanälen zum Ziel gesetzt haben, und anderen, die vielleicht nur anderer Meinung sind, oder noch nicht verstanden haben, worum es geht. Diese Unterscheidung ist auch deshalb so wichtig, da man ja nicht daran mitwirken möchte, die Ziele zu verfolgen, an denen Teilnehmer B arbeitet. Das täte man aber, wenn man die eigene peer group oder auch andersdenkende ohne strategische Propagandaziele durch Verunsicherung und Entmutigung zum Schweigen brächte.

    Wie kann man nun sinnvoll zwischen den beiden Typen von Gesprächspartnern unterscheiden? Mir scheint es erstmal sinnvoll, nicht die Personen zu bewerten, sondern die Kommunikationsvorgänge. Denn bei der Verschubladung von Personen kann es leicht zu Vorurteilen kommen. Ich schlage also unter Verweis auf Habermas vor, bei Kommunikationsfragmenten zwischen verständigungsorientierter Kommunikation und strategischer Kommunikation zu unterscheiden. Von verständigungsorientierter Kommunikation können wir erwarten, dass sie die diskursethischen Diskursregeln 1.1-3.3 beachtet. Ist das nicht der Fall, dürfte es sich um strategische Kommunikation handeln. Oftmals ist es so, dass man strategische Kommunikation nicht fortsetzen mag. Es führt ja persönlich zu nichts. Dagegen ist nichts einzuwenden. Wenn mich der Twitter-Account einer PR-Abteilung anquatschen würde, um mir die tollen Vorzüge des beworbenen Produkts zu vermitteln, würde ich das doch auch nicht weiter anhören wollen.

    Bei strategischer Kommunikation ist auch niemand – in keinem moralischen Sinne – verpflichtet, teilzunehmen oder zuzuhören. Man kann sich natürlich entscheiden, dass es wichtig ist, der strategischen Kommunikation zur Erlangung kultureller Hegemonie durch eine Gruppe etwas entgegenzusetzen. Das ist allerdings wiederum strategische Kommunikation, nämlich erstmal vor allem eine Information an die Mitlesenden, dass man sich gegen den Hegemonieanspruch der Gruppe stellt. Daher ist Kommunikation unter 4 Augen dafür ungeeignet. Daraufhin muss man natürlich bereit sein, seine strategische Kommunikation gegenüber den Mitlesenden in verständigungsorientierter Kommunikation zu rechtfertigen. Aber das dürfte eigentlich kein Problem mehr sein.
    Aber vielleicht irrt man sich auch mal bei der Unterscheidung, ob eine konkrete Kommunikation nun strategisch oder verständigungsorientiert ist. Davon muss man bereit sein, sich dann gegenbenfalls in verständigungsorientierter Kommunikation überzeugen zu lassen. Denn das ist vielleicht das wichtigste Merkmal verständigungsorientierter Kommunikation: Alle Beteiligten müssen bereit sein, sich vom besseren Argument überzeugen zu lassen.

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    1. felis Beitragsautor

      Mich dieser Ausdrucksweise bedienend, würde ich anmerken wollen, dass dieser Post mein Versuch der verständigungsorientierten Kommunikation meiner Intentionen bei dem anderen Post darstellt, bei welchem es sich dann wohl eher um strategische Kommunikation handelt.

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