Warum Frauen*quoten keine unfaire Benachteiligung für Männer* darstellen

Ich habe kürzlich den Fehler begangen mich auf einer Familienfeier auf eine Diskussion über Feminismus mit meinem Bruder einzulassen1. Irgendwann im Laufe dieser Diskussion, die für jeden Bingospieler eine wahre Freude gewesen wäre, kam die Sprache auch auf die „böse Frauen*quote“, und zwar speziell auf die Quotierung von Kursplätzen in einem Jurastudiengang. Die* Schwester* eines* Freundes* des* Cousins* der* Mutter* seiner* Freundin*2, so mein Bruder, studiere nämlich Jura und habe zu Beginn jedes Semesters die freie Wahl der Kursplätze, weil diese quotiert seien, während ihre* männlichen* Kommilitonen* um jeden Kursplatz heftig kämpfen müssten und das sei ja wohl unfair.

Ich möchte hier erstmal kurz meine Erzählung unterbrechen und einwerfen, dass ich eine Quotierung nicht für grundsätzlich unproblematisch und das richtige Mittel gegen die Unterrepräsentierung von weiblichen* Menschen in bestimmten Bereichen halte. Ein großes Problem einer genderbasierten Quote sehe ich zum Beispiel darin, dass die Ansätze in der Regel von einem binären Gendermodell ausgehen und damit die Lebensrealitäten von trans*, inter* und genderqueeren Personen außer Acht lassen. Ganz abgesehen davon werden bei einer Genderquotierung häufig andere nichtgenderbasierte Diskriminierungsstrukturen vernachlässigt, was zur Verschlechterung der Situation für andere Marginalisierte führen kann. Trotz dieser Einwände halte ich eine genderbasierte Quote situationsabhängig für eine sinnvolle antidiskriminatorische Maßnahme. Genauer möchte ich an dieser Stelle darauf gar nicht eingehen, sondern mich jetzt auf das „Argument“ mit der* Jurastudentin* konzentrieren.

Lasst uns also zunächst einmal zwei Jurastudierende der fraglichen Fakultät betrachten: eine* weibliche* und einen* männlichen*, Alex und Chris3. Vergleichen wir nun deren Situation ausschließlich bezüglich der Kurswahl, so erscheinen die Auswirkungen der Quotierung zunächst tatsächlich reichlich ungerecht. Alex, als eine der wenigen weiblichen* Jurastudierenden, bekommt einen Platz in jedem Kurs, in dem sie* sich einträgt, während Chris größte Mühe hat, überhaupt auf seine* Semesterwochenstunden zu kommen und am Ende Kurse belegen muss, die er* gar nicht belegen wollte. Unfair, oder? Und alles nur, weil Alex eine* Frau* ist!

Nun lasst uns mal einen Schritt zurück machen und uns anschauen, wie der Studiumsalltag von Chris und Alex sonst so aussieht. Chris hat es tatsächlich zu Alex in den Kurs geschafft und die beiden behandeln dort jetzt im Unterricht fiktive Übungsfälle, in denen Männer* erfolgreiche Geschäftsleute, Anwälte und Richter sind, während Frauen* für Haushalt Kinder und Äußerlichkeiten zuständig sind (Link). Alex muss also nicht nur zum millionsten Mal brav über die Einparkwitzchen ihrer* Kommilitonen* lachen, sondern auch damit leben, dass die Herren* Juradozenten* ihr* eigentlich eher einen Platz hinterm Herd als in ihren Kursen wünschen. Ob das wohl fair ist?

Das Ende des Semesters nähert sich und Alex hat eine ziemliche Menge Prüfungen vor sich. Wie Chris büffelt sie* fleißig, doch am Ende schneidet sie* überall ein wenig schlechter ab. Ob es damit zu tun hat, dass Frauen* durchschnittlich schlechter abschneiden4 im Jurastudium? Vielleicht hat sie* tatsächlich aufgrund ihres* Genders schlechtere Chancen bei den Noten? Das klingt nun aber schon auch ziemlich unfair! Was war da am Anfang des Semesters nochmal mit der Kurswahl das Problem…? Ach, ja.

Jetzt lasst uns doch mal kurz überlegen, wie es eigentlich dazu kommt, dass Alex es bei der Kurswahl so viel einfacher hatte als Chris. Was besagt denn die Quotenregelung, die dafür sorgt, dass Alex leichter in die Kurse kommt? Vermutlich ist dort vorgeschrieben, dass eine gewisse Prozentzahl der Studierenden in den Kursen weiblich* sein soll (und nicht, dass Frauen* bei der Kurswahl grundsätzlich bevorzugt werden!). Optimistisch nehme ich für unser Beispiel mal eine fiktive vorgeschriebene Quote von 35% an. Wären also 35% aller Jurastudierenden an Alex‘ Uni weiblich*, so wären vermutlich auch rund 35% der Kursbewerber*innen für jeden Kurs weiblich*. Das würde für Alex allerdings bedeuten, dass sie* sich mit ihren* Mitbewerberinnen* ebenso um die Plätze streiten müsste, wie Chris mit seinen* 65% männlichen* Mitbewerbern*. Der Vorteil für Alex entsteht also am Ende daraus, dass es deutlich weniger weibliche* Jurastudierende gibt, als die Quote vorsieht. Über die Gründe dafür lässt sich natürlich streiten, aber nehmen wir einfach mal an, dass es (zum Teil) an der strukturellen Benachteiligung von Frauen* im Jurastusium liegt.

Alex wird also bei der Kurswahl bevorzugt, weil sie* insgesamt strukturell benachteiligt ist. Nun. Was war daran nochmal unfair?

  1. wenn ihr euch fragt, warum das ein Fehler sein soll, dann habt ihr das entweder noch nie versucht oder eine (in dieser Hinsicht) äußerst beneidenswerte Familie
  2. Bekanntschaftgrad zu stilistischen Zwecken _etwas_ übertrieben
  3. Namen frei erfunden
  4. Warnung für den Link: zum Teil Reproduktion von rassistischen, sexistischen und binaristischen Vorurteilen

Weiße cis-hetero-Männer erklären die Welt

Weiße cis-hetero-Männer erklären gerne die Welt. Sie haben nämlich gelernt, dass das ihr Platz in der Gesellschaft ist, dass sie die Definitionshoheit haben und dass ihnen Gehör geschenkt wird. Von anderen weißen cis-hetero-Männern. Und das ist ja schließlich die relevante Zielgruppe, die erreicht und angesprochen werden muss, denn sie haben die Definitionshoheit, ihnen wird Gehör geschenkt und sie können uns dann besser die Welt erklären, wie es ihre angestammte Rolle ist.

Menschen aus marginalisierten Gruppen hingegen sind marginalisiert. Das heißt, sie haben keine Definitionshoheit, ihr Platz in der Gesellschaft ist auf den Zuschauerbänken. Wenn sie dort schön brav sitzen bleiben und den weisen (oh, Verzeihung, Tippfehler) cis-hetero-Männern lauschen und applaudieren, dann werden sie geduldet, denn unsere Gesellschaft ist schließlich tolerant! Wenn sie aber wagen, sich das Wort zu nehmen, einen eigenen Standpunkt zu haben und die eigenen Belange zu vertreten, dann werden sie niedergebrüllt von einem Sturm der Entrüstung. Denn dann nehmen sie Platz ein, der ihnen angestammtermaßen nicht zusteht: den Platz der weißen cis-hetero-Männer.

Die klare Schlussfolgerung aus diesen Überlegungen: weiße cis-hetero-Männer müssen anderen weißen cis-hetero-Männern erklären, dass diese Strukturen diskriminierend sind und wie man sie ändern kann. Denn den Marginalisierten wird ja nicht zugehört. Also müssen die weißen cis-hetero-Männer wieder das tun, was sie so gerne tun und daher auch so gut können: anderen weißen cis-hetero-Männern die Welt erklären.

Und was lernen wir daraus? Unsere Rettung besteht darin, dass weiße cis-hetero-Männer sich gegenseitig die Welt erklären. Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.

Hasserfüllt und verbittert

Diesen Text haben @Literalschaden, @Tofutastisch und ich gemeinsam geschrieben. Er ist also auch hier und hier zu finden.

Ein Tweet am Dienstagabend und eine entstehende Diskussion über verbitterten und hasserfüllten Feminismus. Wir wollen den Tweet nicht verlinken; es geht uns nicht darum, die Person, von der er kam, bloßzustellen oder anzugreifen. Aber wir wollten uns mit den Begrifflichkeiten auseinandersetzen. Also heute: Warum sind wir manchmal verbittert und hasserfüllt?

An jedem Tag, an dem wir das Haus verlassen, begegnen uns Street Harassment, Diskriminierung und Sexismus. Wir können nichts dagegen tun. Wenn wir uns wehren sind wir „die Wilde“. Die „Eigensinnige“. Die „Überemotionale“. Wenn wir es ignorieren? „Die Kühle“. „Die Ignorante“. „Die Überhebliche“. „Die Schüchterne“. Letztlich gibt es nichts, was wir ausrichten könnten. Und das ist auch nicht unsere Aufgabe. Es sollte nicht unsere Verantwortung sein uns zu schützen, sondern die der Übergriffigen, Diskrimierenden, nicht übergriffig, sexistisch, diskriminierend zu sein; zu handeln.

Das frustriert uns. Macht uns wütend. Macht uns traurig. Macht uns hasserfüllt und verbittert.

Wir finden es auch toll, wenn es Feministinnen gibt, die aufopferungsvoll erklären. Die lieb und nett sagen, warum sie denn bitte nicht diskriminiert werden wollen. Machen wir sogar selbst ganz oft. Oder bemühen uns zumindest. Aber das heißt noch lange nicht, dass irgendjemand* von uns erwarten darf, dass wir lieb und nett erklären. Wir sind nämlich nicht immer lieb und nett. Wir sind Menschen, die diskriminiert, verletzt, eingeschüchtert werden. Und das darf uns wütend machen. Unsere Wut, unser Hass, unsere Verbitterung. Das ist kein Entschluss gewesen, dass wir jetzt verbittert sind. Das war dann plötzlich so. Dumm gelaufen. Da haben diskriminierende Strukturen, sexistische Bemerkungen und übergriffiges Verhalten und der ständige Kampf gegen ein übermächtiges System uns verbittert.

Und dann kommt es: Ich darf aber nicht verbittert sein. Denn dann bin ich nicht mehr die Gute, die Liebe. Die Guten, die was Gutes wollen, die sind nicht verbittert. Oder?

Gerne heißt es dann, wir würden damit „der Sache“ schaden. „Dem Feminismus ist nicht geholfen, wenn ihr so unfreundlich seid!“ Als wäre „der Feminismus“ dafür da, sich bei möglichst vielen Leuten anzubiedern und Absolution zu bekommen. Wir sind aber nicht Feministinnen, weil es uns so viel Spaß macht, heroisch für irgendein abstraktes Ideal zu kämpfen. Sondern um uns zu empowern; um mit der Einschüchterung, dem Harrassment, der Diskriminierung klarzukommen. Und zum Empowerment gehört auch unsere Wut. Sie runterzuschlucken ist nicht empowernd. Es ist eine erneute Verletzung, ein erneutes Kleingemacht werden. Menschen, die von struktureller Diskriminierung betroffen sind, erleben im Alltag ständig Situationen, die sie verletzen, ängstigen und_oder wütend machen. Das liegt in der Natur von Diskriminierung. Diesen Menschen ihre Wut und ihren Hass auf die Unterdrückenden und das von diesem geprägte System abzusprechen oder diese Gefühle als schlecht/falsch zu bewerten, reproduziert das System und relativiert die erfahrene Ungerechtigkeit.

Wir wollen unsere Gefühle nicht in uns hineinfressen, um den schönen Schein zu wahren. Vor allem nicht in einer Bewegung, die für uns da ist. Es geht nicht darum, den Vertretern* der Machtstukturen irgendetwas zu erklären und das möglichst freundlich. Es geht nicht darum, sich möglichst gut dem diskriminierenden System anzupassen, damit die Machthabenden sich möglichst wohl fühlen. Es geht darum, an dem System zu rütteln und sich die Macht zu erobern, die einer zusteht. Das bedeutet aber, dass aktuell Machthabende etwas von ihrer Macht, die sie als selbstverständlich erachten, weil sie sie nicht reflektieren, abgeben müssten. Und da die meisten das nicht freiwillig tun, bleibt denen, die in der benachteiligten Position sind, oft nichts anderes übrig, als die Machthabenden zu bekämpfen. And guess what: Wut, Ärger und Hass können ein guter Motivator sein gegen das lähmende, allgegenwärtige Gefühl, dass dieses System stärker ist als wir.

Links:
Das Argument, dass ein Kommunizieren von Diskriminierung/… nicht akzeptabel ist, weil es nicht nett rübergebracht wird, nennt sich auch Tone Argument. Eine gute Erklärung dazu, was ein Tone Argument ist, gibt es hier von @baum_glueck.

Die Aufforderung, nett zu sein ist ein klassisches „Argument“ von Concern Trolls.

Starting to minecraft – a woman’s perspective

A couple weeks ago I was infected with a kind of virus that seems to be circulating in this online world in general and in my immediate peergroup in particular. My infection happened to coincide with a „real“ bodily illness, that prevented me1 from leaving my bed but not from using my hands and thus operating my computer. And, as I had read about this highly enjoyable and versatile game in some blog posts recently (here and here – disclaimer: these posts are written in German), I decided to try it out just to kill a bit of time. Well… the time killing seemed to work all too well. I had barely even started to manage without beeing converted into a zombie’s breakfast or being blown to bits and pieces by a creeper when I realised it was getting dark out (and by out I mean outside in that other world that is not minecraft) and I had not eaten breakfast nor lunch. That realisation however did not, as you might expect, induce me to put aside my dedicated minecraft device and find some „real“ food in the „real“ world. Instead I „just wanted to finish up my project…“ before getting something to eat. A few hours later… had not my heartsperson brought me some food and forced me to eat up, I probably would have gone without nourishment that day.

To cut a long and obviously not unheard of story short: I have been spending a lot of time playing minecraft since and I have enjoyed it tremendously2. I have however been bothered by one thing: For some reason that eludes me the game seemed to assume, that I was a dude or at least, that I didn’t mind running around the world as a dude. And since I didn’t have much of a choice3 that’s what I did for the first few days. But, well, I actually did mind. I am not a dude nor do I usually choose to be percieved as such, so having this male appearance (and identity, since the default player’s name is „Steve“) forced upon me kinda annoyed me. I would have preferred having a neutral name and a more neutral appearence when starting out.

As it was, I was forced to customize my player skin and since I’m not much of an artist, I tried to find a suitable skin online, that I could utilize. I was not looking for anything fancy, just a very basic skin, much like „Steve“ but without the beard and maybe with a bit more feminine hair. Boy, was I dissapointed. Every female skin I found was „prettied up“ with make-up and „sexy“ clothes, meaning short pants and lowcut tops or even just some kind of weird squarekini. Some didn’t wear any clothes at all. So, this was to be my choice? Run around as dude or be the „sexy lady“? Thanks, but no thanks. So, I went ahead and tried to create my own skin by mashing up Steve with a naked lady (nope, no kinky stuff!) and doing a little tweaking here and there. This is the result:

Front and Back View
front view back view

I don’t know if I want to keep this look indefinitely4, but for now it works fine. Only took me a few hours, that I could have spent playing, if I had been what seems to be the default: a dude. We do, after all, live in a dude’s world.

If anyone should want to use this skin, feel free. Here you go:
skin.png

EDIT: As soon as I had published this post, I began to be unsatisfied with this version, so I kept tweaking and fiddling and now there is a revised Verson:

Front and Back View
front view back view

And here’s the new skin file:
skin_revised.png

EDIT II: This post by Minecraft’s original developer Notch states, that he regrets having „named“ the character Steve and thereby creating_encouraging it’s percepion as the „Mincraft Guy“. (While I appreciate this statement, it still doesn’t change the above described experience though.)

  1. well, almost prevented me…
  2. of course not so much the creeper attacks, but… eh, they just want a hug, whatcha gonna do? Gotta love the sneaky, green, volatile buggers
  3. in the beginning, remember? I was just learning how to open doors and didn’t concern myself with skins and the likes
  4. before you laugh, because it looks stupid, please remember, I’m just starting out

Über den Frauen*anteil in einem feministischen Umfeld

Die Flauscheria bloggt (Liste der Teilnehmenden noch unvollständig). Viel und toll und es macht Spass zu schreiben und zu lesen. Besonders freue ich mich über Beiträge aus dem queer_feministischen Themenspektrum, beispielsweise diesen über das unfreiwillige in Geschlechter_rollen gepresst werden oder diesen Rant über Nicht_allies.

Was mir schon früh in der Planung dieses Vorhabens auffiel: unter den geplanten Eisenbloggenden waren nur wenige nicht cis-männliche Personen. Das mag unter anderem daran liegen, dass die Planung großteils in einem IRC-Channel stattfand, der einen recht hohen cis-Männeranteil aufweist. Es mag auch daran liegen, dass Frauen und_oder genderqueere Personen, vor allem wenn sie zu queer_feministischen Themen bloggen, deutlich stärker auf Ablehnung, Hass und Anfeindungen stoßen, als cis-Männer, und daher die Hemmschwelle größer ist. Die Liste der Gründe endet hier sicher nicht, aber bei dem konkreten Projekt habe ich diese beiden Punkte als Hauptgründe wahrgenommen, deshalb möchte ich mich darauf konzentrieren.

Zum ersten Punkt: die Planung fand in einem cis-männlich dominierten Umfeld statt. Dazu könnte einer* natürlich argumentieren, dass dies nunmal der bevorzugte Kommunikationskanal der*s Organisierenden ist, dass diese*r ja nichts dafür kann_können, wie das dortige Publikum sich zusammensetzt und dass es zwar bedauerlich sei, aber nicht in der Macht einer oder weniger Personen liege, daran kurzfristig etwas zu ändern. Bei dieser Argumentation drängen sich mir aber doch einige kritische Fragen auf. Wie kommt es eigentlich, dass in einem ausdrücklich profeministischen Umfeld ein cis-männlich dominierter Kommunikationskanal bevorzugt wird? Wie kann es überhaupt sein, dass ein Kommunikationskanal in einem solchen Umfeld überwiegend aus cis-männlichem Publikum besteht? Und wie wollen wir eigentlich die Welt revolutionieren, wenn wir schon bei der Aufgabe klein beigeben, unser direktes, feministisch geprägtes Umfeld zu entpatriarchalisieren?

Der andere Punkt hängt weniger mit dem konkreten Umfeld zusammen: Frauen und_oder genderqueere Personen müssen mit mehr Antagonismus rechnen, wenn sie allzu laut ihre (nicht mainstreamkonforme) Meinung sagen. Selbstverständlich lässt sich dazu anbringen, dass die Organisierenden keinen Einfluss auf die antagonisierenden Trolle und Hater haben. Wünschenswert wäre es allerdings meiner Ansicht nach, dass sie sich zumindest bei der Planung dieses Umstands bewusst sind und darauf eventuell mit Lösungsstrategien reagieren, beispielsweise einer Infrastruktur, die anonymes oder pseudonymes Bloggen ermöglicht_vereinfacht.

Insgesamt hätte ich mir von einer Projektplanung in einem solchen Umfeld etwas mehr Problembewusstsein und proaktive Lösungsstrategien erhofft. Wer, wenn nicht wir, soll denn sonst damit anfangen?

New to Feminism

Ich bin „neu hier“. Mein Blog gibt es noch nicht lange und zu meinem mir sehr ans Herz gewachsenen Umfeld hier in diesem Internet bin ich auch erst deutlich später hinzugestoßen als die meisten von euch. Entsprechend „neu“ ist meine Beschäftigung mit der Antidiskriminierung, insbesondere mit dem Feminismus.

Das bedeutet nicht, dass ich mich nicht inzwischen gedanklich und emotional sehr viel damit auseinander gesetzt habe. Ich folge vielen (queer-)feministisch und antirassistisch aktiven Menschen auf Twitter und lese ihre Diskussionen und vor allem einige der vielen tollen Blogposts, die sie mir täglich in die Timeline legen. Ich habe selbst schon die ein oder andere Diskussion auf Twitter geführt und dabei mal mehr, mal weniger (bisher zum Glück meist weniger) maskulistischen Hass auf mich gezogen. Und ich habe inzwischen auch ein paar Blogposts in diesem Themenbereich geschrieben.

Ich habe viel gelernt in dieser Zeit. Ich hab mich und meine Einstellung zu vielen Themen grundlegend geändert. Ich habe ein Bewusstsein für den Problembereich Diskriminierung entwickelt. Ich habe meine eigenen Erlebnisse, aber auch mein Verhalten reflektiert und mich mit meinen Privilegien beschäftigt. All das hat viel Zeit und Energie in Anspruch genommen. Es hat mich aufgewühlt, war manchmal schmerzhaft oder zum Haare raufen. Aber es hat mir auch viel gegeben. Ich habe Diskutieren gelernt, kann inzwischen zum Beispiel meinen Bruder, dem ich früher rhetorisch haushoch unterlegen war, recht gut Paroli bieten. Ich habe gelernt, dass ich etwas zu sagen, etwas beizutragen habe – dass meine Worte Gewicht haben. Insbesondere habe ich gemerkt, wie wichtig es für mich ist, meine Meinung formulieren zu können und den Mut zu haben, sie dann auch auszusprechen.

Trotzdem heißt dieser Artikel „New to Feminism“. Ich fühle mich immernoch wie die Neue. Durch meinen späten Einstieg, aber auch dadurch, dass ich immer mal wieder Pausen brauche, immer mal wieder nicht alles mitverfolgen kann, habe ich Lücken. Viele eurer Erlebnisse, die euch geprägt haben und die euch ständig begleiten, Diskussionen, Auseinandersetzungen und Anfeindungen, denen ihr ausgesetzt wart, kenne ich nicht oder nur bruchstückhaft. Und was noch viel schlimmer ist: Viele, viele eurer großartigen Blogposts, in denen ihr diese Erlebnisse schildert und verarbeitet, eure Gedanken formuliert, neue Ansätze entwickelt, kluge Einwände bringt, auf Misstände aufmerksam macht, Richtungen einschlagt, Lösungen sucht und findet, habe ich nie gelesen. Ich möchte einen Trichter haben, der direkt ins Gehirn führt und durch den ich all das Verpasste und Versäumte gießen kann, um es ganz schnell aufzuholen.

Aber bis dahin bitte ich euch: Habt ein wenig Geduld mit mir. Seid mir nicht böse, wenn ich wiederhole, was ihr schon lange wisst. Wenn ich nachfrage, wo euch alles selbstverständlich ist. Und wenn ich eine Referenz auf eure Inhalte versäume, wo sie offensichtlich angebracht wäre. Ich weiß, dass es meine Verantwortung ist, das Wissen aufzuarbeiten, nicht eure, es mir (zum Millionsten Mal) zu erklären.

My decision doesn’t need your absolution – Pro-Choice muss konsequent werden

Ich freue mich, den folgenden Gastbeitrag veröffentlichen zu dürfen. Die Autorin bleibt zwar anonym, alle Rückmeldungen, insbesondere Flattrs werden aber an sie weitergeleitet.


“Niemand macht das leichtfertig. Leute leiden da ja auch drunter.”
In wirklich jeder Debatte über Schwangerschaftsabbrüche wird dieses Argument irgendwann von Befürworter_innen vorgebracht. Dass Menschen, die eine Schwangerschaft abbrechen, angeblich zwangsläufig unter diesem Schritt leiden, scheint für viele enorm wichtig zu sein.

Warum halten Befürworter_innen das für notwendig?
Der Anspruch, die Entscheidungen und Gefühle anderer zu bewerten und zu (de)legitimieren, ist scheinbar tief verankert.
Anstatt konsequent für Entscheidungsfreiheit zu kämpfen und solidarisch zu sein, wird in selbige eingegriffen, Betroffene werden pathologisiert und bevormundet. Ihr (vermeintliches oder reales) Leiden wird instrumentalisiert, während Menschen, die nicht unter einem Abbruch leiden, die Legitimität ihrer Entscheidung und Gefühle abgesprochen wird.

Offensichtlich hat die “Pro-Life”-Bewegung die Debatte außerdem so weit geprägt, dass ein Schwangerschaftsabbruch nur als allerletzte Notlösung inklusive seelischen Leidens verargumentiert zu werden gewagt wird.

Diese Inkonsequenz ist in einer Bewegung, die für das Recht auf Selbstbestimmung eintritt, absolut fehl am Platz. Pro-Choice muss konsequent werden; d.h., das Recht auf Selbstbestimmung muss konsequent anerkannt werden. Ohne Einschränkungen. Ohne Wenn und Aber. Ein Schwangerschaftsabbruch ist immer gerechtfertigt, wenn der_die Betroffene sich dafür entscheidet. Seine_ihre Entscheidung ist immer legitim. Seine_ihre Gefühle sind immer legitim.

“My body, my choice” hat kein Kleingedrucktes.

„Ey Tüp“ mal ohne Rage

Mein erster Beitrag hier im Blog hat bei einigen für Verwirrung gesorgt und wurde zum Teil anders aufgefasst, als er gemeint war. Deshalb hab ich mich dazu entschlossen, ergänzend einen Erklärbärartikel zu dem Thema zu schreiben.

Es gibt ein Phänomen, das mir öfter mal begegnet, und obwohl ich es auch manchmal bei Frauen erlebt habe, sind es meiner Erfahrung nach häufiger Männer, die sich so verhalten. Meistens entsteht die Situation daraus, dass ich mich zu einem (üblicherweise umstrittenen) Thema äußere, zum Beispiel auf Twitter1. Ein anderer Mensch nimmt diese Äußerung als Anlass, mir seine Meinung zu ebendiesem Thema mitzuteilen. So weit, so in Ordnung, Gedanken- und Meinungsaustausch, yay, großer Fan davon!

Leider handelt es sich aber um genau das in den von mir angesprochenen Fällen nicht. Es findet kein Austausch statt, keine Diskussion, in der beide (oder alle) Teilnehmer aufeinander eingehen, die Meinung der_s Anderen wahrnehmen und darauf Bezug nehmen. Stattdessen verläuft das Gespräch unkonstruktiv und führt zu einer Abwertung der ursprünglich geäußerten Meinung und deren Urheber_in.

Es gibt verschiedene Schemata, nach denen solche Gespräche meiner Erfahrung nach verlaufen, und einige davon möchte ich an (überspitzt dargestellten) Beispielen erläutern:

Szenario 1:

A: Ich mag rote Äpfel nicht.
B: Also meiner Meinung nach ist grün viel schlimmer als rot. Grün ist eine der schlimmsten Farben, die es gibt! Grüne Kleidung passt nicht zu meinen Schuhen und außerdem sind Krokodile grün und die fressen bekanntermaßen kleine Kinder.
A: Naja, das mag ja sein, ist aber nicht relevant dafür, dass mir Äpfel nicht schmecken, die rot sind.
B: Da hast du mich missverstanden, mit Äpfeln hat das ja gar nichts zu tun.
A: Genau. Deine Aussage hat mit meiner nichts zu tun. Bitte lenk nicht vom Thema ab, rote Äpfel sind mir wichtig.
B: Jetzt hab dich doch nicht so, ich werd doch wohl noch meine Meinung sagen dürfen?

Zu keiner Zeit entsteht hier ein Meinungsaustausch. Die erste Aussage wird von Person B gänzlich ignoriert, stattdessen wird einfach nur ein Stichwort aufgegriffen, um sich daraus einen Anlass zu konstruieren, eine Meinung zu etwas loszuwerden, was mit dem ursprünglich Gesagten herzlich wenig zu tun hat. Das Thema wird torpediert und für die eigenen Zwecke umfunktioniert. Damit nicht genug, beim Hinweis auf dieses Verhalten wird Person A zunächst Nichtverständnis und danach Unterdrückung abweichender Meinungen vorgeworfen. Bei einem Blick auf andere Gespräche, die Person B so führt, finden sich dann nicht selten wahlweise weitere Hasstiraden gegen grün und ein Link zum Forum der Vereinigung Deutscher Antigrünisten, oder aber weitere Scheinargumente, die auf diese Weise Diskussionen derailen. Welche Intention nun auch dahinter stehen mag, das Ergebnis ist das gleiche: Es wird von der eigentlichen Aussage abgelenkt und Person A wird durch die Vorwürfe diskreditiert und damit auf struktureller Ebene „besiegt“.

Szenario 2:

A: Ich mag rote Äpfel nicht.
B: Da liegst du aber falsch, rote Äpfel sind viel besser als grüne.
A: Ehm ok, wenn du meinst. Ich mag sie halt nicht.
B: Dann stimmt mit dir irgendwas nicht. Ich weiß dass rote Äpfel besser sind, ich hab dazu mal was gelesen! Und außerdem mögen meine Freunde auch alle lieber rote Äpfel.
A: Bei mir ist alles in Ordnung, ich mag einfach nur keine roten Äpfel. Bitte akzeptier das einfach.
B: Jetzt lügst du aber, wahrscheinlich willst du nur den Roteäpfelanbauern das Geschäft vermiesen.

Auch hier gibt es keinen Meinungsaustausch. Person B lehnt von Anfang an die Gültigkeit der Grundaussage ab und versucht Person A eines besseren zu belehren. Dass es sich nicht um eine faktische Aussage handelt, der ein wahr oder falsch zugeordnet werden kann, sondern um eine Meinungsäußerung, wird ignoriert. Die Meinung von Person A wird nicht respektiert, das vermeintliche „Wissen“ von Person B als universelle Wahrheit dargestellt, mit der Begründung „Ich weiß das aber besser als du“. In Selbstbeschreibungen von Person B finden sich in diesem Fall vielleicht Aussagen wie „vielseitig interessiert“ oder „Universalgelehrter“. Wenn Person A sich dieser Beweismacht nach wie vor verweigert, wird sie als andersartig und als Sonderfall bezeichnet, oder es wird ihr gar Unehrlichkeit und ein unlauteres Motiv unterstellt. Das Ergebnis ist erneut die Diskreditierung von Person A und deren Meinung und damit ein „Sieg“ auf struktureller Ebene.

Szenario 3:

A: Ich mag rote Äpfel nicht.
B: Was glaubst du eigentlich, wer du bist, anderen Vorschriften machen zu können, welche Äpfel sie zu essen haben?
A: Ey, komm mal klar, ich mach niemandem Vorschriften, ich hab nur gesagt, dass ich die nicht mag.
B: Und deswegen sollen wir jetzt alle keine roten Äpfel mehr essen, weil du hier rummemmst?
A: Nein, ich sag doch nur, dass ich die nicht mag und es voll nett wär, wenn ihr mir die nicht grad unter die Nase halten würdet.
B: Ahja, jetzt müssen wir uns also nach dir richten, nur weil du ein Problem hast. Und was kommt als nächstes? Kirschenverbot? Pflaumenzwang?

Das wohl bösartigste meiner Beispiele. Von Meinungsaustausch kann hier keine Rede sein. Person A wird von Anfang an angegriffen und es wird üblicherweise ziemlich genau das Verhalten unterstellt, das Person B selbst an den Tag legt: Meinungsunterdrückung, Verhaltensvorschriften, Einschränkung der persönlichen Freiheit usw. Die Meinung von Person A wird nicht nur nicht anerkannt sondern vielmehr als unverschämt und gesellschaftsschädigend diffamiert. Um gegen Person A zu agitieren, werden weitere, frei erfundene Forderungen unterstellt und der Untergang der Zivilisation prophezeit. „Satz und Sieg“, struktureller geht es kaum noch. Übrigens wird sich in der Regel herausstellen, dass Person B rote Äpfel anbaut, vermarktet oder sonst irgendwie ein persönliches Interesse an deren Verkauf hat.

Sicher gibt es weitere Beispiele für solche „Protodiskussionen“ (ich freue mich auf eure Kommentare!), diese drei sind die, die mir am häufigsten begegnet sind. Und natürlich geht es „da draußen“ nicht um rote Äpfel, sondern um politische, gesellschaftliche und auch persönliche Themen. Nichstdestotrotz: Die Argumentationsschemata bleiben die gleichen.

Update: Passend zum Thema ein Comic Strip von amultiverse, auf den mich ein nachtaktives Wissenschaftswesen aufmerksam machte.

  1. Was nicht heißen soll, dass das Phänomen auf Onlinekommunikation beschränkt ist

Below the game – unterste Schublade

[Inhaltswarnung: Grenzüberschreitung, sexualisierte Übergriffe, Gewalt]

Vor kurzem wurde bei Kickstarter erfolgreich ein Projekt finanziert, das heftigen Widerstand erzeugt hat. Das Projekt besteht darin, Anleitungen, wie ein Mann am besten Menschen, insbesondere Frauen „kennenlernen“ kann, als Buch zu veröffentlichen. „Above the game“ soll das Ergebnis heißen. Trotz der Kritik wurde das zu diesem Zweck via Kickstarter gesammelte Geld an den „Autor“ ausgezahlt, wenngleich die Verantwortlichen inzwischen eingeräumt haben, damit einen Fehler begangen zu haben.

Einige der Texte, die das Buch enthalten soll, wurden vom Verfasser bereits auf Reddit veröffentlicht und beim Stöbern durch die Inhalte (was ich niemandem empfehlen möchte) wird mancher*m vermutlich schnell auffallen, warum ich das „kennenlernen“ in Gänsefüßchen gesetzt habe. Denn um Freundschaften oder Beziehungen geht es wenig bis gar nicht. Eigentlich dreht sich das ganze nur um ein Thema: Wie kriege ich eine Frau dazu, dass sie Sex mit mir hat.

Zwei Aspekte sind mir beim Lesen besonders aufgefallen, die ich im Folgenden durch einige Zitate genauer beleuchten will. Einerseits ist das der Umstand, dass immer wieder das Prinzips der konsentualen Sexualität misachtet wird. Andererseits zeugt der gesamte Text an vielen Stellen von einem generellen Mangel an Respekt für Frauen und davon dass sie nicht als Männern gleichwertig angesehen werden.

Even when a girl rejects your advances, she KNOWS that you desire her. That’s hot. It arouses her physically and psychologically.

(Selbst wenn ein Mädchen deine Annäherungen zurückweist, weiß sie dann, dass du sie begehrst. Dass ist heiß. Es erregt sie körperlich und psychisch.)

Diese Aussage ist nicht nur schwachsinnig, sie ist auch abwertend und objektifizierend. Die Annahme, eine Frau könne sich nichts tolleres vorstellen, als dass ein Mann Sex mit ihr haben will, mag ein Wunschtraum mancher Männer sein, wahr wird es dadurch aber noch lange nicht. Eine Frau, die einen Mann abweist, teil ihm damit mit, dass sie keinen Sex mit ihm haben will. Anzunehmen, dass sie trotzdem einen Lustgewinn dabei empfindet, ist nicht nur anmaßend, es unterstellt auch, dass die Abweisung nicht ernst gemeint ist und wertet damit die Glaubwürdigkeit der Frau ab. Die Aussage, dass eine Frau allein durch die Lust des Mannes erregt würde, degradiert sie außerdem zum Sexobjekt und zwar auf die übelste Weise: Indem ihr unterstellt wird, sie selbst empfände Erregung (müsse geradezu durch die Decke gehen!) bei dem Gedanken, als Sexobjekt betrachtet zu werden.

Physically pick her up and sit her on your lap. Don’t ask for permission. Be dominant. Force her to rebuff your advances.

(Heb sie hoch und setzte sie auf deinen Schoß. Frag sie dafür nicht um Erlaubnis. Sei dominant. Zwing sie, deine Annäherungen abzuweisen.)

Körperliche, sexuelle Handlungen ohne Einverständnis sind Übergriffe. So weit zu gehen, dass sie gezwungen ist, ihn zurückzuweisen, ist ein Grenzüberschreitung. Ein solches Verhalten ist respektlos den Wünschen und Bedürfnissen der Frau gegenüber. Es würdigt sie herab, es entmündigt sie und es wird mit ziemlicher Sicherheit nicht dazu führen, dass sie sich wohl fühlt.

If at any point a girl wants you to stop, she will let you know. If she says „STOP,“ or „GET AWAY FROM ME,“ or shoves you away […] say this line:
„No problem. I don’t want you to do anything you aren’t comfortable with.“
[…] If a woman isn’t comfortable, take a break and try again later.

(Wenn das Mädchen zu irgendeinem Zeitpunkt möchte, dass du aufhörst, wird sie es dich wissen lassen. Wenn sie „Stop“ sagt oder „Lass mich in Ruhe/Geh weg“ oder dich wegstößt […] sag folgendes:
„Kein Problem. Ich möchte nicht, dass du irgendetwas tust, womit du dich nicht wohl fühlst.“
[…] Wenn eine Frau sich nicht wohl fühlt, mach eine Pause und versuch es später noch einmal.)

Nein. Wenn eine Frau zu irgendeinem Zeitpunkt „Stop“, „Nein, „Hör auf“, „Lass mich in Ruhe“ oder irgendetwas vergleichbares sagt oder ihn womöglich sogar körperlich von sich wegschiebt/wegstößt, dann hat der Mann bereits eine Grenze überschritten. Das einzig angemessene Verhalten ist, jede, wirklich jede sexuelle Handlung oder Intention sofort einzustellen und, falls möglich, sich für die Grenzüberschreitung zu entschuldigen. _Falls_ die Frau ihre Meinung irgendwann ändern sollte, ist es an ihr, das mitzuteilen. Sie gegen ihren ausdrücklichen Willen weiter zu bedrängen, ist respektlos, übergriffig und grenzverletzend. Daran ändert keine noch so lange Pause etwas. Ganz abgesehen davon sollte es nicht die Verantwortung der Frau sein, ihre Grenzen gegen Übergriffe schützen zu müssen. Die Verantwortung liegt bei der anderen Person, garnicht erst einen Übergriff zu begehen.

Grab her hair […] and pull it back aggressively.

(Pack ihr Haar […] und zieh es aggressiv nach hinten.)

NEIN, NEIN, NEIN. Aggressionen und Gewalt sind in keiner Situation in Ordnung. Niemals, aber insbesondere nicht in einem sexuellen Kontext! (Ausnahmen bilden natürlich ausdrücklich _konsentuale_ Handlungen, die dort aber mit keinem Wort erwähnt werden.)

Your chances of repeat performances goes up tremendously with each orgasm.

(Deine Chancen auf eine Wiederholungsvorstellung steigen enorm mit jedem Orgasmus [Anm.: der Frau].)

Diese Aussage zeigt noch einmal sehr deutlich, worum es dem Autor geht. Ein Orgasmus der Frau dient dem Zweck, dass der Mann bessere Chancen hat, ein weiteres Mal „bei ihr zu landen“. Ihre Lust ist nur Mittel zu Zweck, im Vordergrund stehen seine Bedürfnisse und seine sexuelle Erfüllung. Auch hier zeigt sich deutlich, dass die Frau nur als Objekt behandelt wird, dessen Zeck es ist, den Mann sexuell zu befriedigen.

Was mir außerdem durch den ganzen Text hinweg aufgefallen ist: Immer wieder werden Frauen als „girl“ statt als „woman“ bezeichnet. Wohlgemerkt, wir reden hier nicht von einem Teenager, der altersbedingt noch in den Kategorien „boys/girls“ denkt, „boy“ habe ich in dem Text kein einziges Mal gefunden. Wir reden von einem erwachsenen Mann, der Frauen als Mädchen diminuiert und ihnen damit ihre Reife, Eigenständigkeit und Unabhängigkeit abspricht, vorzugsweise dann (das mag allerdings eine subjektive Wahrnehmung sein), wenn es um Widerstand, Ab- oder Zurückweisung und das (Nicht)Respektieren von Grenzen geht.

Da ich hier einzelne Zitate „aus dem Kontext gerissen“ habe (was der Autor seinen Kritiker*innen hier vorwirft, und damit begründet, dass „es doch nicht so gemeint war“), noch mal in aller Deutlichkeit: Es gibt _keinen_ Kontext, in dem Missachtung der Bedürfnisse und Grenzen einer Frau, aggressives Verhalten und respektloser, objektifizierender Umgang ok sind. Egal wie viel Mühe vorher ins Daten, Kennenlernen usw. geflossen sind, zu keinem Zeitpunkt hat ein Mensch einen _Anspruch_ auf Sex. Zu keinem Zeitpunkt sind Übergriffigkeit und Grenzüberschreitung gerechtfertigt. In keinem noch so stillen Kämmerlein und hinter noch so verschlossenen Türen ist es in Ordnung, eine Frau so zu behandeln.

Ey Tüp.

Ey Tüp. Ja DU. Genau dich mein ich. Du wirst es kaum glauben können aber MICH INTERESSIERT DEINE MEINUNG NICHT.

Mich interessiert nicht, dass du zu allem deinen Senf abgeben musst.
Mich interessiert nicht, dass du zu jedem, aber wirklich jedem Thema „deine eigene Meinung“ hast.
Mich interessiert nicht, dass du glaubst, du hättest immer ein bisschen mehr recht als alle anderen.
Mich interessiert nicht, dass du findest, dass du dich besonders klug und geschickt ausdrückst.
Mich interessiert nicht, dass du immer „anderer Meinung“ bist, nur um dich abzuheben.
Mich interessiert nicht, dass du meine Tweets unpräzise findest und das selbst viel besser formulieren kannst.

Was mich interessiert: dass du aufhörst, meine Gespräche zu derailen.
Dass du nicht meine Meinungsäußerungen zum Anlass nimmst, dich zu profilieren.
Dass du mich nicht ansprichst, nur um deine geistigen Ergüsse bei mir abzuladen.
Dass du dein Ego irgendwoanders als vor meiner Nase raushängen lässt.

Zieh Leine!

Nachtrag: Auch wenn du dich persönlich angesprochen fühlst und der festen Überzeugung bist, ich meine genau dich mit diesem Beitrag, besteht eine ziemlich große Chance, dass das nicht der Fall ist. Da du dich aber eh schon angesprochen fühlst, wie wär’s, wenn du dich einfach mal mitgemeint fühlst?